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Beweidung im Wandel

Geschichte der Beweidung mit Schafen im Projektgebiet

Von vielen Menschen wird die abwechslungsreiche Landschaft unserer hessischen Mittelgebirge, die auch die Projektregion des Hotspots 17 der biologischen Vielfalt kennzeichnet, als besonders reizvoll empfunden. Entstanden ist diese durch über lange Zeit ausgeübte traditionelle landwirtschaftliche Nutzung, bei der die Weidetierhaltung eine zentrale Rolle spielte. Ohne Schafe, Ziegen, Kühe und Co. gäbe es die besonders schützenswerten Offenlandlebensräume wie Magerrasen, Heiden oder Mähwiesen nicht. Kann man auf Überlieferungen landwirtschaftlicher Praktiken aus den vorigen Jahrhunderten zurückgreifen, so kann dies zu einem besseren Verständnis der Entstehung und Erhaltung der Lebensräume und dem Schutz darin vorkommender Arten beitragen (1, 2). Deshalb wurde im Rahmen des Projektes „Schaf schafft Landschaft“ eine Recherche zu traditionellen Beweidungspraktiken im Projektgebiet, dem nordhessischen Werra-Meißner-Kreis, und in weiteren hessischen Mittelgebirgsregionen durchgeführt. Eine ausführlichere Zusammenstellung der Rechercheergebnisse kann im folgenden Dokumente eingesehen werden: Traditionelle Schafbeweidungssysteme in Hessen und im Werra-Meißner-Kreis. Der Fokus dieser Recherche lag auf der Beweidung mit Schafen, wobei auch andere Nutztiere wie Ziegen, Rinder und Kühe, Pferde, Schweine, aber auch Gänse eine zentrale Rolle für den Lebensunterhalt der Menschen und die Offenhaltung der Landschaft gespielt haben.

Die Weidewirtschaft war in den vergangenen Jahrhunderten von viel größerer Bedeutung als heute, denn sie diente der Grundversorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und weiteren Produkten des täglichen Bedarfs. Auch in der Werra-Meißner-Region hat die Schafhaltung bereits eine jahrhundertelange Tradition (3, 4). Noch bis zum Zweiten Weltkrieg wurden große Bestände in Hütehaltung und in Gemeinschaftsherden geführt (4). Zu dieser Zeit gab es im Kreis rund 15.000 Schafe (3). So besaß im 19. Jahrhundert fast jeder, der in den ländlichen Regionen der hessischen Mittelgebirge lebte ein paar Schafe, die den Winter in den Ställen im Dorf verbrachten und im Frühjahr dem Gemeinde- bzw. Gemarkungsschäfer zugetrieben wurden. Dieser zog dann mit den Tieren auf die Weideflächen (auch Hutungen genannt; 5). Die Schafe wurden meist auf die magersten Flächen getrieben, da sie als besonders robust galten. Aber auch eine Mischbeweidung mit verschieden Tierarten war vielerorts Alltag, wenn nicht für jede Tierart ein Hirte zur Verfügung stand (7). Durch eine intensive Weidenutzung ergab sich auf Landschaftsebene ein anderes Bild als heute (Abbildung 1): Die weitläufigen Hutungen, von denen heute meist nur noch kleine Inseln mit geschützten Biotopen existieren, waren früher deutlich karger und offener.

Eng eingebunden war die Beweidung mit Schafen in das System der Dreifelderwirtschaft. Bei diesem wechselte auf Ackerflächen der Anbau von Sommer- und Wintergetreide, woraufhin anschließend ein Brachejahr, in dem nichts angebaut wurde, folgte (8). Da zur damaligen Zeit kein anderer Dünger zur Verfügung stand, wurde der Dung der Tiere dringend zur Absicherung einer guten Ernte benötigt. Auch wurden gezielt Schafe über Nacht auf den Ackerflächen gepfercht, also auf relativ kleinem Raum eingezäunt, um die Nährstoffzufuhr zu erhöhen. Für diese wichtige Arbeit bekamen die Schäfer damals von den Ackerbauern gutes Geld (9). Aus dem Werra-Meißner-Kreis wird z. B. auch berichtet, dass man Personen als Dank oder Lohn für ihre Verdienste einige Nächte eine Schafherde auf den Acker schickte (10). Im Projektgebiet wurde Schafmist früher gerne auch zur Düngung der an vielen Stellen noch vorhandenen Weinberge verwendet oder als Zahlungsmittel für die Nutzung bestimmter Weideflächen oder Triebwege verwendet (10).

Etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte die Schafhaltung in Hessen ihre Blütezeit. Zu dieser Zeit gab es in Hessen-Kassel noch fast 500.000 Schafe. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich der Schafbestand bereits um ca. 70 % verringert (5). Die Gründe für den stetigen Rückgang der Schafzahlen und auch der Schäfereien sind vielfältig. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft, durch Wollimporte aus Übersee und die immer stärkere Konkurrenz durch Baumwolle war die Haltung von Schafen kaum noch rentabel. Zudem wurde zunehmend Schweine- oder Rindfleisch dem Schaffleisch gegenüber bevorzugt, so dass Rinder häufig auch in der Grünlandnutzung favorisiert wurden (5). Eine Umstellung der Strukturen in der Schafhaltung im Werra-Meißner-Kreis erfolgte in den1960 Jahren. Die Schäfer selbst waren bis Anfang der 60 Jahre überwiegend in den Genossenschaften der Orte und den Gutsbetrieben angestellt. Diese lösten sich nach und nach auf, sodass die Schäfer ihren Beruf aufgaben und z. B. in die Industrie wechselten oder sich mit ihren Schafen selbstständig machten (6).

Heute machen Einnahmen aus der Landschaftspflege einen Großteil der Einkünfte der meisten Schäfereien aus (11). Das steht in starkem Kontrast zu der oben beschriebenen traditionellen Weidewirtschaft, bei der Naturschutz und Landschaftspflege vielmehr unbeabsichtigte Nebenprodukte waren. Diese Veränderung der Herangehensweise und Prioritätensetzung bei den Schäfereien wirkt sich unmittelbar auf unsere Landschaften und ihre Lebensräume aus. Wurden Beweidungszeitpunkte und -intensitäten früher auf wirtschaftliche Notwendigkeiten ausgerichtet, so sind sie heute weitestgehend durch Vorgaben der Agrar- und Naturschutzförderung bestimmt. Dadurch fehlt den Schäfereien häufig der Handlungsspielraum, um auf witterungsbedingte Veränderungen der Vegetation angemessen reagieren zu können. Orientiert man sich also an der traditionellen Form der Weidetierhaltung, müsste man den Schäfereien wieder mehr Freiräume bei der Bewirtschaftung ihrer Flächen lassen. Davon könnten die Schafe selbst, aber auch die Flächen profitieren.

Aus dem Wissen über traditionelle Beweidungsformen lassen sich viele interessante Handlungsalternativen ableiten, die den Schäfereibetrieben selbst, aber auch dem Naturschutz und dem Erholungswert unserer Landschaft zugutekommen könnten. Abschließend lässt sich sagen, dass wir von früheren, über lange Zeit etablierten Praktiken lernen können, wie wichtig es ist, eine Landschaft möglichst multifunktional und nachhaltig zu nutzen. Dafür sind Weidetiere aus Erfahrung ein gut geeignetes Mittel.


Literatur

  1. Fischer P, Peppler-Lisbach C. (2024): Historische Nutzung von artenreichen montanen Borstgrasrasen (Lebensraumtyp *6230) in FFH-Gebieten des Werra-Meißner-Kreises. Jahrb. Natursch. Hessen. 19: 122-129.

  2. Stanik N.; Ivascu C.M.; Brandt R., Rosenthal G. (2020): Traditional Ecological Knowledge als eine erweiterte Informationsbasis für den Naturschutz – illustriert an Beispielen zur Bewirtschaftung von artenreichem Grünland hessischer Mittelgebirgsregionen. Jahrb. Natursch. Hessen. 19: 115 – 121.

  3. Kroll H. (1990): Die Landwirtschaft im Werra-Meißner-Kreis. In: Historische Gesellschaft des Werralandes (Hrsg.): Land an der Werra und Meißner – ein Heimatbuch. 3. Auflage, Korbach/Bad Wildungen, 236–243.

  4. Rahmann G. (2000) Biotoppflege als neue Funktion und Leistung der Tierhaltung: dargestellt am Beispiel der Entbuschung von Kalkmagerrasen durch Ziegenbeweidung. Habilitation, SchrR Agraria 28, 384 S., Hamburg.

  5. Wilke E. (1992): Schafzucht und Schäfer in Hessen. Hessisches Landesamt für Ernährung, Landwirtschaft und Landentwicklung, 246 S., Kassel.

  6. Bust, A. (2026): Schriftliche Mitteilung zur Schafhaltung im Werra-Meißner-Kreis.

  7. Kuprian M., Bütehorn N., Frahm-Jaudes E., Geske C., Bauschmann G., Stühlinger P., Fuchs S., Winkel S. (2015): Historie der etablierten lokalen Beweidungspraktiken in Hessen. MKK Mitteilungsblatt, 40. Jahrgang, Zentrum für Regionalgeschichte.

  8. Nitsche S., Nitsche L. (1994): Extensive Grünlandnutzung. Neumann Verlag GmbH, 247 S., Radebeul.

  9. Böhm M., Hacker H., Heimrath R., Hörmann B., Hoffmann L., Kettemann O., May H., Ortmeier M., Popp B., Weidlich A. (2003): Auf der Hut – Hirtenleben und Weidewirtschaft. Schriften Süddeutscher Freilichtmuseen, Band 2, 350 S.

  10. Lückert M. (1984): Im Märzen der Bauer… Es war einmal – Bäuerliches Leben, Mundart und Humor im unteren Werratal. Selbstverlag Manfred Lückert, 204 S., Kassel.

  11. Mühlrath D., Wichelhaus A., Wagner T. (2025): Weideschafhaltung muss sich lohnen! Ernüchternde Ergebnisse einer Wirtschaftlichkeitsanalyse. Jahrb. Natursch. Hessen 24: 50-54.

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